Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Krise. Was ist eigentlich damit gemeint? Ist es eine strukturelle Banken-, Euro- oder gar Weltwirtschaftskrise; oder doch „nur“ ein konjunktureller Rückgang, eine Rezession also? Vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Diskussion über die Turbulenzen auf den Finanzmärkten möchte sich diese Konferenz dem historischen Phänomen von ökonomischen Krisen widmen. Mittels eines epochenübergreifenden Ansatzes fragen wir dabei ganz gezielt nicht nach kurzfristig wiederkehrenden zyklischen Schwankungen, sondern nach Erscheinungen, die sich als Wendepunkte einer Entwicklung darstellten. Es geht dabei um gesellschaftliche und politische Aus- bzw. Wechselwirkungen in ihren weit gefassten Ursachen und Folgen ebenso wie um die Frage nach Brüchen und Kontinuitäten. Der geographische Schwerpunkt liegt auf Mittel- und Osteuropa, wobei besonders diachrone und synchrone Vergleiche interessieren, die dann auch andere Regionen einbeziehen können.
Agrar- und Ernährungskrisen, Verschiebungen von Handelsrouten und monetäre Einbrüche, Staatsbankrotte, Kriege oder Spekulationsblasen: Alle haben sie ihre jeweils spezifischen wirtschaftlichen, aber auch politischen, gesellschaftlichen, demografischen und ökologischen Ursachen, die ihrerseits auf das Leben von Menschen einwirken und zu bemerkenswerten Rückkoppelungsprozessen führen. Die bewusst epochenübergreifend angelegte Konferenz interessiert sich für diese Aspekte und will historische Einordnungen nicht nur vergangener Krisen ermöglichen, sondern auch dazu beitragen, gegenwärtige Wahrnehmungen und Deutungen präziser zu kontextualisieren und Besonderheiten bzw. Eigenheiten herauszuarbeiten. In diesem Sinne sollen mittels neuer Herangehensweisen beispielsweise politik-, alltags-, ideen- oder kulturgeschichtliche Fragestellungen mit ökonomischen Aspekten verbunden werden, die von vielen Historikern oft als trocken, theorie- und statistiklastig abgetan und trotz ihrer unbestreitbaren Relevanz ignoriert werden.
Eine derartige Perspektiverweiterung könnte etwa die Pestepidemie Mitte des 14. Jahrhunderts in den Blick nehmen. Die Pandemie hat in einigen Regionen Europas etwa ein Drittel der Bevölkerung dahingerafft und somit nicht nur demografische, ökonomische oder gesellschaftliche, sondern auch kulturell-mentale Transformationen bewirkt: Das bis dahin verbreitete Welt- und Menschenbild wurde tief erschüttert. Auf der anderen Seite scheint der „Schwarze Tod“ – obwohl er weite Teile Eurasiens erfasste – das östliche Mitteleuropa verschont zu haben. Das „Ausbleiben“ der durch die Pestepidemie verursachten Krise wirft Fragen nach den Ursachen und Folgen für Polen auf und lädt zu Vergleichen mit den betroffenen Gebieten ein.
Wie Kriege die ökonomischen und kulturellen Entwicklungen beeinflussen können, zeigten die Debatten um die sog. Krise des 17. Jahrhunderts. Für die östlichen Gebiete der Adelsrepublik z.B. bedeuteten die während des Kosaken-Aufstandes von Chmielnicki durchgeführten Pogrome Hunger und Elend, weil viele jüdische Händler ermordet wurden. Außerdem führten sie nicht nur zu Flucht und Wanderung ganzer Aschkenasim-Gruppen nach Litauen, Mittel- und Westeuropa, sondern auch zur Entstehung des Chassidismus, weil der größtenteils ausgelöschte Kahal keine Verwaltungstätigkeit mehr leistete, so dass die jüdischen Gemeinden um rabbinische Höfe nicht nur spirituelle, sondern auch ökonomische Hilfe boten.
Im 19. und 20. Jahrhundert verlief die Entwicklung weiter Teile Ost- und Ostmitteleuropas im Schatten „nachholender“ Entwicklung und Modernisierung, da der Abstand zu den sich industrialisierenden Ländern Westeuropas allzu deutlich wurde. So kann die Auswanderung aus der Großregion als Ausdruck einer „permanenten“ Armut gedeutet werden, die sich mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 massiv verschärfte. Die regionalen Auswirkungen globaler Verschiebungen und Krisen spiegeln sich auch im Scheitern des Monopolsozialismus wider. Es war kein Zufall, dass die Proteste in Polen in den Jahren 1976 und 1980, die infolge einer Erhöhung der Lebensmittelpreise ausgebrochen und in die Gründung der zivilgesellschaftlichen Massenbewegung „Solidarność” gemündet sind, mit dem Zusammenbruch der ökonomischen Nachkriegsordnung einhergingen. Die militärische Niederlage der USA im Vietnamkrieg, die darauffolgende Aufgabe der Bindung des US-Dollar an den Goldstandard (somit auch des Bretton-Woods-Systems von 1944) und schließlich die dramatische Verteuerung der Ölpreise waren Symptome dieser strukturellen Krise, die mit den aus dem wirtschaftlichen Dilettantismus der Partei resultierenden Faktoren zusammenfiel und zum Kollaps des Systems beigetragen hat. Als in den späten 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts weltweit die Bestellungen von neuen Schiffen storniert wurden, traf das interessanterweise die kapitalistisch organisierte Bremer-Vulkan-Werft genauso wie die sozialistische Danziger Leninwerft; die systemübergreifende Verständigung der von Lohnkürzungen und Entlassungen betroffenen Arbeiter war nur eine der Folgen. Andererseits half die polnische Kohle um 1985, den britischen Bergarbeiterstreik unter Arthur Scargill zu unterlaufen.
Die Reise- und Unterkunftskosten übernimmt das Deutsche Historische Institut.
Anmeldungen mit einem Themenvorschlag (100 Wörter) und kurzen biographischen Angaben erbitten wir bis zum 31. August 2013. Bis Mitte September entscheiden wir über die endgültige Teilnahme.
Auf der Konferenz soll vor allem diskutiert werden. Deshalb streben wir eine kurze Präsentation von Ergebnissen und Thesen an, deren Grundlage jeweils etwa 10-20seitige ausgearbeitete Beiträge sind, die vorab allen Teilnehmern zur Verfügung gestellt werden. Für die Abgabe der Manuskripte haben wir den 31. Dezember 2013 vorgesehen. Diese Texte sollen auch in einem Sammelband veröffentlicht werden. Die Reise- und Übernachtungskosten können wir daher nur im Falle einer pünktlichen Abgabe der Beiträge übernehmen.
Konferenzsprachen sind Deutsch und Polnisch. Referate und Diskussionen werden simultan übersetzt. Wer keiner der beiden Sprachen mächtig ist, kann auf Englisch vortragen.
Kontakt: adamczyk@dhi.waw.pl; lehnstaedt@dhi.waw.pl
Informations pratiques :
Veranstalter: Dariusz Adamczyk und Stephan Lehnstaedt, Deutsches Historisches Institut Warschau; in Kooperation mit dem Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien
Datum, Ort: 23.01.2014-24.01.2014, Warschau, Deutsches Historisches Institut Warschau, Al. Ujazdowskie 39, 00-540 Warszawa, Polen
Deadline: 31.12.2013
Source de l’information : H-Soz-u-Kult





