Das gleichermaßen enge wie spannungsreiche Verhältnis von Humanismus und Reformation lässt sich in keiner Region so gut beobachten wie am Oberrhein. Über die Konzile von Konstanz und Basel hatte sich von hier im 15. Jahrhundert der italienische und griechische Humanismus nach Mitteldeutschland, West- und Nordeuropa ausgebreitet; Luthers Anstöße zur Reformation von Kirche und Gesellschaft stießen im deutschen Südwesten früh auf einen fruchtbaren Boden, der von Humanisten wie Johannes Reuchlin und Erasmus von Rotterdam bereitet worden war.
Der 8. internationale Reuchlin-Kongress, der im Mai 2014 namhafte Theologen, Historiker und Philologen aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, England und den USA in Reuchlins Geburtsstadt Pforzheim zusammenführt, geht den Wechselwirkungen zwischen Humanismus und Reformation mittels aktueller Forschungsansätze und auf der Grundlage vielfach erst in jüngster Zeit erschlossener Quellen nach.
Auf diese Weise werden die geistigen und religiösen « Milieus » fassbar, in denen italienische Autoren wie Petrarca, Pico della Mirandola oder der mitunter als « Apostel des Humanismus in Deutschland » apostrophierte Enea Silvio Piccolomini rezipiert wurden. An Reuchlins Lehrer Johannes Argyropulos, dem Buchdrucker Aldo Manuzio und dem Gräzisten und Mediziner Andreas Vesalius werden Transfer und Transformation der antiken griechischen Literatur und Kultur beleuchtet, in deren Horizont auch Luthers Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Urtext erfolgte. Vor dem hellen Hintergrund des emphatischen Bildungsoptimismus der Humanisten gewinnen die zum Teil heterogenen religiösen Triebkräfte der Epoche an Kontur, wie sich besonders an dem christlichen Kabbalisten Reuchlin zeigen lässt, der von Herder nicht ganz zu Unrecht als « Morgenstern der Reformation » bezeichnet worden ist, obwohl er sich Luther nicht angeschlossen hat.
Mit ihren Schlaglichtern auf einige der ganz großen oder wenigstens exemplarischen Gestalten des Renaissance-Humanismus und ihre reformationszeitliche Rezeption leistet die Pforzheimer Tagung einen wichtigen Beitrag zum bevorstehenden Reformationsjubiläum, das mit dem Wittenberger Thesenanschlag Luthers nur sehr vordergründig zusammenfällt. Die Wurzeln der Reformation reichen tiefer und weiter, bis in den deutschen Südwesten, in Städte wie Basel, Straßburg oder Pforzheim.
Programme :
Donnerstag, 22. Mai 2014
19h00 : Eröffnung (Congress Centrum Pforzheim, Mittlerer Saal, Am Waisenhausplatz 1-3, 75172 Pforzheim)
Begrüßung: Roger Heidt, Erster Bürgermeister der Stadt Pforzheim
Grußwort: Dr. Matthias Dall’Asta, Wissenschaftlicher Leiter des Kongresses
Vortrag: Prof. Dr. theol. Thomas Kaufmann (Göttingen) – Humanismus und religiöse Erregung im Zeichen der Reformation
Anschließend Empfang im Foyer
Freitag, 23. Mai 2014
09h00 : Dr. phil. Matthias Dall’Asta (Heidelberg) – Einführung
09h15 : Prof. Dr. phil. Carmen Cardelle de Hartmann (Zürich) – Petrarca-Lektüre im 15. Jahrhundert. Der Dialog „Secretum“ und seine Leser
10h00 : Dr. phil. Stefan Bauer (London) – Enea Silvio Piccolomini als Geschichtsschreiber
11h45 : Kaffeepause
11h15 : Prof. Dr. theol. Ulrich Bubenheimer (Heidelberg / Reutlingen) – Die vorreformatorische Rezeption des italienischen Humanismus in Erfurt und Wittenberg
12h00 : Mittagspause, Gelegenheit zum Besuch des Museum Johannes Reuchlin
14h00 : PD Dr. phil. Christian Gastgeber (Wien) – Von Johannes Argyropulos bis Antonios Eparchos: Kulturtransfer oder Der griechische Blick auf Deutschland im 15. und 16. Jahrhundert
14h45 : Dr. theol. Christian Herrmann (Stuttgart) – Griechische Aldinen in Deutschland als Beispiel humanistischer Publikationspolitik
15h30 : Kaffeepause
16h00 : Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Bergdolt (Köln) – Der ‘Luther der Medizin’? Betrachtungen zu Andreas Vesalius
18h00 : Gemeinsames Abendessen
20h00 : Derniere von Peter Wortsmans Schauspiel « Wo man Bücher verbrennt … » (« Burning Words ») im Kulturhaus Osterfeld
Samstag, 24. Mai 2014
09h00 : Dr. phil. Matthias Dall’Asta (Heidelberg) – Nikolaus Gerbel aus Pforzheim (1485–1560): Philologie im Dienst von Humanismus und Reformation
09h45 : Dr. theol. Franz Posset (Beaver Dam, USA) – Vom Sumpf und den Bächen zurück zu den Quellen. Beobachtungen zu Caspar Amman, Johann Reuchlin und Martin Luther
10h30 : Kaffeepause
11h00 : Prof. Dr. theol. Anselm Schubert (Erlangen) – Die Wittenberger Reformation und die christliche Kabbala (1518–1524)
11h45-12h30 : Schlussdiskussion
Alle Vorträge sind öffentlich. Sie sind herzlich eingeladen.
Informations pratiques :
Veranstalter : Stadt Pforzheim
Datum, Ort : 22.05.2014-24.05.2014, Pforzheim, Reuchlinhaus Pforzheim, Großer Vortragssaal, Jahnstr. 42, 75173 Pforzheim (23.-24.05.2014); Abendvortrag (22.05.2014): Congress Centrum Pforzheim, Mittlerer Saal, Am Waisenhausplatz 1-3, 75172 Pforzheim
Kontakt : Kulturamt der Stadt Pforzheim, Marktplatz 1, 75175 Pforzheim, Tel: 07231/39-2113, kult@stadt-pforzheim.de
Source : H-Soz-U-Kult






