Colloque – Namen und Geschichte in der Zeit der Einnamigkeit (ca. 400-1100)

Namen sind für Mittelalterhistoriker eine wichtige Quelle: für Arbeiten über den Zusammenhang zwischen (ethnischen) Identitäten, Namengebung und (Zweit)Namenwahl genau so wie für die Prospopgraphie und Geneaologie von Führungsgruppen. Drei Felder sind hier insbesondere zu nennen:

1) Das frühe und hohe Mittelalter wird üblicherweise als eine Zeit der Einnamigkeit begriffen, die Auswahl des Namens als Aufgabe der Eltern bzw. der Verwandten, nicht des Namenträgers selbst. So richtig dies im Grunde ist – wir kennen in der Praxis im Einzelnen doch viele Abweichungen. Zweitnamen im weitesten Sinne waren auch im frühen und hohen Mittelalter weit verbreitet (Kosenamen, Beinamen verschiedenster Art, Spitznamen, Pseudonyme etc.).

2) Die Frage, inwiefern in Spätantike und Mittelalter ein Zusammenhang zwischen ethnischer Identität und der Wahl eines Personennamens besteht, hat die Gruppe „Nomen et Gens“ seit den 1990er Jahren intensiv beschäftigt. Im selben Zeitraum hat sich allerdings zugleich auch unser Bild von der Geschichte der Ethnizität im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter tiefgreifend gewandelt. Die Tübinger Tagung soll Gelegenheit bieten, den Zusammenhang zwischen Namen und Identitäten neu zu diskutieren.

3) Das gilt auch für den Zusammenhang von Namen und Verwandtschaft: Seit den 1950er Jahren haben Historiker versucht, mit Hilfe der sogenannten „genealogisch-besitzgeschichtlichen Methode“ konkrete Verwandtschaftsverbindungen zwischen Individuen, zumindest aber Verwandtschaftsgruppen zu rekon- struieren. Schon in den 1980er Jahren ist diese Methode in die Kritik geraten, aber seinerzeit nicht methodisch-theoretisch erneuert worden. Vor diesem Hintergrund hat die Tübinger Tagung das Ziel, die onomastischen Voraussetzungen der „genealogisch- besitzgeschichtlichen Methode“ im interdisziplinären Gespräch zwischen sprachwissenschaftlicher Namen- forschung und onomastisch interessierter Geschichts- wissenschaft systematisch zu hinterfragen.

Tubingen

Programme :

Freitag, 30. Mai 2014

Namen, Gruppenbindungen, Identitäten

9.00-11.15 Uhr : Christa Jochum-Godglück, Saarbrücken – Seltene germanische Personennamen im Frühmittelalter Sören Kaschke, London – Von Adalbert bis Trasimund. Die Verbreitung ausgewählter Namen im Reich Karls des Großen gemäß urkundlicher Überlieferung Daniela Fruscione, Frankfurt am Main – „Wo waren die Langobarden in den italienischen Urkunden?“. Identität, Verwandtschaft und Namengebung

11.30-13.00 Uhr Hans-Werner Goetz / Wolfgang Haubrichs, Hamburg / Saarbrücken – Namen und Namengebung in Ober- und Unterschichten des frühen 9. Jahrhunderts in der Île-de France a. Wolfgang Haubrichs: Sprachliche Assimilation und Hybridisierung der Personennamen in einem Raum sprachlich vollzogener Romanisierung b. Hans-Werner Goetz: Motivationen der Namengebung im sozialen und inhaltlichen Vergleich

14.30-16.00 Uhr : Jens Lieven, Bochum – Bischofsnamen und Verwandtschaft in den frühmittelalterlichen Libri memoriales Lidia Becker / Steffen Patzold, Hannover / Tübingen – Zu den Namen der Bischofslisten aus der Bretagne im Frühmittelalter

16.15-17.45 Uhr : Matthias Becher, Bonn – Zur Exklusivität von Herrschernamen (Merowinger und Karolinger) Gerhard Lubich, Bochum – Der Namenbestand der Karolingergenealogien im Kontext – historische Fiktionen, gerettetes Wissen oder Modeerscheinung?

Zweit- und Beinamen

18.00-19.30 Uhr : Wolfgang Eric Wagner, Münster – Herrscherbeiname und Geschichtsschreibung. Zur Motivik der Beinamengebung für Herrscher des Mittelalters Jürgen Strothmann, Siegen – Das Augustus-Nomen Karls des Großen

Samstag, 31. Mai 2014

9.00-11.15 Uhr : Dieter Geuenich, Duisburg / Freiburg – Sedulius sive Ilarleh. Zu den Beinamen der Mönche in der frühmittelalterlichen Gedenküberlieferung Annette Grabowsky, Tübingen – Zwischen historischer Erinnerung und politischem Programm? Papstnamen im 10. und 11. Jahrhundert Thomas Kohl, Tübingen – Beinamen und frühe Zweinamigkeit im westlichen Frankreich

11.30 Uhr : Conclusio – Dieter Kremer, Trier

Schlussdiskussion : Moderation – Jörg Jarnut, Paderborn

Informations pratiques : Tübingen, 30.–31. Mai 2014

Tagungsadresse: Alte Frauenklinik, Schleichstr. 4, 72076 Tübingen, Ebene 3, Raum 4332

Kontakt : Prof. Dr. Steffen Patzold Wilhelmstraße 36 72074 Tübingen

Christoph Haack M. A. Tel. 07071 2972990 christoph.haack@uni-tuebingen.de neg@uni-tuebingen.de

Source de l’information : Universität Tübingen

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Réseau des médiévistes belges de langue française
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