Colloque – Reframing – Umarbeitung, Ergänzung und Neurahmung von Kunstwerken liturgischen Gebrauchs in Mittelalter und früher Neuzeit

5. Kölner Tagung der Reihe „Kunst und Liturgie“
ZEMAK-Tagung
Köln, Universität zu Köln, Hörsaal V (Hauptgebäude), 30.09.–01.10.2015

Die Liturgie ist geprägt von sich wiederholenden Riten, die im Mittelalter erst allmählich schriftlich fixiert werden. Sie lassen sich als Konventionen beschreiben, die einerseits Verbindlichkeit und Dauerhaftigkeit vermitteln, andererseits anpassungsfähig und dehnbar sind, der Behauptung von Kontinuität zum Trotz doch Modifikationen unterliegen. Viele Kunstwerke sind Teil dieser liturgischen Praktiken, seien es vasa sacra oder liturgische Gewandungen, Reliquiare, Altarretabel oder Heiligenfiguren. Ihr ritueller Gebrauch innerhalb der Liturgie ist ein gewichtiger Grund für ihre Bewahrung über lange Zeiträume hinweg, zugleich aber auch der Auslöser von Veränderungen dieser Werke: seien es erforderliche Reparaturen in Folge langer Nutzung, oder aber Anpassungen an veränderte Gebräuche, an gewandelte religiöse Vorstellungen, an neue Bedeutungszuschreibungen, repräsentative oder ästhetische Bedürfnisse. So werden die Kunstwerke einerseits zu materiellen, sichtbaren Zeugen gelebter Traditionen und Konventionen im Kontext liturgischer Praktiken. Andererseits ist ihr Jahrhunderte langer Gebrauch der Grund für Restaurierungen, die sie bewahren, die jedoch häufig einhergehen mit Veränderungen oder Ergänzungen, die Alter und Tradition der Werke künstlerisch inszenieren, das Werk somit mit neuer Bedeutung aufladen, kommentieren, verändern – ein Prozeß, der hier als Reframing begriffen wird.

Die Tagung richtet ihren Fokus auf Prozesse der Bewahrung und Veränderung von Kunstwerken im liturgischen Gebrauch. Sie steht damit im engen Zusammenhang mit dem neuen Themenschwerpunkt des Kölner Zentrums für Mittelalterstudien „Dynamiken der Konventionalität“. Zugleich möchte sie das Augenmerk schärfen für künstlerische Strategien der Inszenierung von Tradition und Konvention. Diese können mit der Differenz zwischen dem alten Objekt und seiner neuen künstlerischen Rahmung arbeiten – hier wird kunstimmanent ein Wissen um stilistische, materiale und gattungsspezifische Differenzen zwischen der Kunst vergangener Zeiten und der Gegenwart deutlich. Doch kann mit künstlerischen Mitteln auch die Zusammengehörigkeit von Werken verschiedener Zeiten durch ihre gleichartige Überformung behauptet werden. Oder aber die künstlerischen Anpassungen an neue Bedürfnisse erfolgen möglichst unauffällig, führen Werke neuen liturgischen Verwendungen zu unter der Behauptung von Kontinuität und unter Wahrung etablierter Konventionen.

Das hier umrissene Phänomen des ‚Reframings‘ von Kunstwerken im Kontext der Liturgie möchte die Tagung anhand verschiedener Objektgattungen und unterschiedlicher künstlerischer Medien verfolgen. Dies nicht zuletzt deshalb, da vielfach zur Inszenierung des Alten auf andere Medien ausgegriffen wird: Das Evangelienbuch wird um neue Bilder ergänzt oder erhält einen neuen, prachtvollen Goldschmiedeeinband; der Reliquienschrein oder der (Reliquien)Schatz einer Kirche wird ein neues Flügelretabel eingestellt, Bildzyklen erläutern Herkunft, Gebrauch und Wirkmacht des verehrten Objekts; eine verehrte Heiligenfigur wird bekleidet. Anhand von Fallstudien sollen verschiedene Formen der künstlerischen Aktualisierung älterer Kunstwerke abgeschritten werden. Im Hintergrund steht die Frage, ob bestimmte Anlässe wie die Kanonisierung eines Heiligen oder eine institutionelle Krise als Auslöser auszumachen sind, und ob zeittypischen Formen der Umarbeitung und Inszenierung zu erkennen sind (im Sinne neuer Leitmedien), mittels derer alte in neue Darstellungskonventionen überführt werden.

Programme :

Mittwoch, 30. September 2015

14.00 Susanne Wittekind/ Stefanie Seeberg: Begrüßung

14.15 Doris Oltrogge(Köln): Ergänzung und Umarbeitung von Handschriften im Hochmittelalter
15.00 Susanne Wittekind(Köln): Neue Einbände für alte Handschriften
15.45 Pause

16.15 Kristin Böse (Köln-Düsseldorf): Der Codex als ‘Baustelle’ – Zur Umarbeitung von Codices in Santo Domingo de Silos
17.00 Christina Normore (Chicago): Reframing at Saint-Denis under Abbot Suger
17.45 Pause

18.15 Pierre-Alain Mariaux (Neuchâtel): Reframing Maurice in 1225. Abt, Reliquien, Objekte
19.00 Patricia Kroschwald (Leipzig): Vom liturgischen Textil zum Werbebanner? Zwei byzantinische Goldstickereien in Halberstadt

Donnerstag, 1. Oktober 2015

9.00 Heike Schlie (Salzburg): Outside in. Vom Ambo zum Retabel
9.45 Antje-Fee Köllermann (Hannover): Schatzerhebung. Die Goldene Tafel aus St. Michael in Lüneburg
10.30 Pause

11.00 Anna Pawlik (Nürnberg): Der Mönch und der Heilige. Der Werdener Hochaltar als Medium des Porträts
11.45 Ulrike Bergmann (Köln): Reframing mittelalterlicher Skulpturen: Verschönerung, Umnutzung, Neuinterpretation?
12.30 Pause

13.30 Stefanie Seeberg (Köln-Frankfurt): Der Pollinger Kruzifix – Neupräsentationen und Umdeutungen vom 12. bis zum 18. Jahrhundert
14.15 Nadja Horsch (Leipzig): Ein neuer Rahmen für « Architekturreliquien » – Die Scala Santa Sixtus’ V. in Rom
15.00 Kaffee

15.15 Lee Bierbaum (Köln): Balneum Constantini. Zum Schicksal einer (kaiserlichen) Badewanne

Source : Kunsthistoriker.org

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