Appel à contribution – Stadt und Geschichtsschreibung: Geschichtsschreibung über Städte und Geschichtsschreibung in Städten

Ort : Prag
Veranstaltungsort : Clam-Gallas Palais, Husova 20, Prag 1, Tschechische Republik
Veranstalter : Archiv der Hauptstadt Prag in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, der Fakultät für Humanistische Studien der Karls-Universität Prag, dem Lehrstuhl für Geschichte der Philosophischen Fakultät der J. E. Purkyně-Universität in Ústí nad Labem sowie dem Masaryk-Institut und dem Archiv der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik
Datum : 04.10.2016 – 05.10.2016
Bewerbungsschluss : 15.04.2016
Url : http://www.ahmp.cz/eng/index.html?mid=43

Das Archiv der Hauptstadt Prag und seine Partnerinstitutionen laden Sie ein zu ihrer Jahrestagung, die dieses Mal dem Thema der städtischen Geschichtsschreibung vom Mittelalter bis zur Schwelle des 20. Jahrhunderts gewidmet ist. Dabei soll dieses Thema von zwei Seiten aus betrachtet werden: Die eine rückt die individuelle oder institutionelle Geschichtsschreibung in den Städten in den Fokus, die andere betrifft die historiographische Arbeit über die jeweilige Stadt – selbstverständlich in unserem Fall hauptsächlich Prag und die mit ihm in Bedeutung und Rolle vergleichbaren Städte.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit wird so die Stadtchronistik bzw. die in den Städten entstandene Chronistik ebenso wie die Geschichte der Hauptstadt bzw. derjenigen Stadt stehen, die für den Autor einen der konzeptualisierenden Hauptfeiler des staatlichen und nationalen Narrativs darstellt. Die Geschichte der für die (im vormodernen Sinne) nationale Kommunität zentralen Stadt war stets ein Argument für ihre Reife, ihren hohen Organisationsgrad sowie ihre zivilisatorische und kulturelle Gleichberechtigung mit den anderen Nationen. Deswegen wurde die Entstehung der Stadt in die graue Vorzeit verlegt und mit der Entstehung des Staates und der Ordnung in der Gemeinde verbunden (Titus Livius‘ 142 Bücher zur Geschichte Roms Ab Urbe Condita seien hier als verpflichtendes Vorbild für viele spätere Autoren des historiographischen Genres genannt).

Dieses Konzept verschwand auch in der „modernen“ Zeit nicht. So kann erneut an dem Beispiel Prags belegt werden, welch große Bedeutung die Geschichte der Hauptstadt des Königreichs für die politische und kulturelle Konzeption der modernen tschechischen Nation hatte: Prag war die historische Bühne ihrer großen Taten und Tragödien, dramatischer Akteur ihrer „großen Geschichte“, eine Schatzkammer von Belegen ihrer ruhmreichen und sich im staatsbürgerlichen Konzept des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts neu gestaltenden Legitimität. Von Palackýs Skizze einer Geschichte von Prag über Tomeks gigantische, zwölfbändige Geschichte dieser Stadt bis hin zu Winters facettenreicher Geschichte der städtischen Alltäglichkeit und Teiges großen Nachschlagewerken stand Prag im Zentrum der Historizität des tschechischen politischen Diskurses wie auch der unmittelbaren Gegenwart einer „Nation ohne Nationalstaat“, die jedoch erfolgreich eine vollberechtigte, partizipierende Rolle innerhalb der Eliten des Habsburgerreiches anstrebte.
Es wird uns also interessieren, wer die Geschichte der Städte schrieb und wie und worin sich seit dem Mittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die bestellenden oder initiierenden Subjekte veränderten. Ebenso interessiert uns allerdings, was in den einzelnen Chroniken und später in den Stadtgeschichten geschrieben wurde: was die Autoren thematisierten, was sie beiseiteließen, welche Ereignisse, Personen, Realitätsebenen sie auswählten, wie sie die Stadt in die Gesamtgeschichte der Region und des Landes oder des größeren überregionalen Kontextes (Reich, Kontinent) einbetteten. Spielte hierbei nur die große antike Tradition eine Rolle oder auch historiographische Werke zu der Geschichte bedeutender „Partnerstädte“? Welchen Anteil hatten diese Werke an der Wahrung und Formierung des kollektiven Gedächtnisses? Lassen sich die mit ihrer Produktion oder Distribution verbundenen Mechanismen erkennen? Gerade in diesen Aspekten geht es uns sehr um regionale wie internationale Vergleiche. Gleiches betrifft die Rezeption dieser Werke: Wurden diese nur jeweils von einem kleinen Kreis (macht-)politisch interessierter Personen gelesen oder handelte es sich um Werke, die zumindest im bürgerlichen und gebildeten Milieu eine weitere Verbreitung fanden? Wurden sie zum Ausgangspunkt für eine eigene chronistische – etwa nur für den Familienkreis bestimmte – Tätigkeit? Erfuhren die lateinisch oder deutsch gedruckten historiographischen Werke bzw. ihre Passagen über die Stadt – in unserem Falle also Prag – ein Echo im Ausland?

Zwar sind wir vor allem an der Prager Problematik interessiert, dies allerdings gleichwohl in einem Vergleich mit den anderen Städten des böhmischen Staates wie auch mit den zentralen Großstädten Mitteleuropas. Zugleich freuen wir uns auch auf Referate, die mit innovativen Ideen das hier angedeutete Konzept um gesamteuropäische Vergleiche und Hinweise bereichern.

Potenzielle Referenten bitten wir, den geplanten Titel ihres Vortrags zusammen mit einem Abstract bis zum 15. April 2016 an die unten angegebene Adresse zu senden. Die Organisatoren behalten sich vor, unter den eingesandten Beiträgen eine Auswahl zu treffen. Die vorgetragenen Referate werden anschließend in überarbeiteter Fassung als Tagungsband in der Reihe „Documenta Pragensia“ veröffentlicht. Die Unterbringung der ausländischen Referenten erfolgt auf Kosten der Organisatoren in den Gästehäusern der Akademie der Wissenschaften und der Karls-Universität Prag. Ein Tagungsbeitrag wird nicht erhoben. Die offiziellen Tagungssprachen sind Tschechisch und Deutsch (ggf. Englisch), für eine Simultanübersetzung wird gesorgt.

Für die Veranstalter:
Prof. dr. Jiří Pešek, CSc., PhDr. Olga Fejtová, Ph.D., Doc. dr. Václav Ledvinka, CSc.,
PhDr. Petr Hrachovec, Ph.D., Doc. dr. Michaela Hrubá, Ph.D., PhDr. Marie Tošnerová, Ph.D.

Source : H-Soz-Kult

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Réseau des médiévistes belges de langue française
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