Appel à contribution – Täuschende Tiere? Von Sein und Schein in der mittelalterlichen Tierdarstellung

Interdisziplinäre Sektion im Rahmen des Symposions „Konstruktionen des Falschen. Fälschung und Fake im Mittelalter“ des Mediävistikverbands e.V., Universität Münster, 22.–25. Februar 2027.

Wir suchen Beiträge aus allen mediävistischen Teildisziplinen, die aus der Perspektive der Human-Animal Studies neue Zugänge zu textlichen und bildlichen Darstellungen, Semantisierungen und Funktionalisierungen von Tieren und tierlichen Materialien im Mittelalter eröffnen.

Tiere sind im mittelalterlichen Weltbild allgegenwärtig: als Schöpfungszeuge und Auslegungshilfe der Heilsgeschichte, als ökonomische Ressource (Arbeitskraft, Nahrung, Materialien) und als emotionale oder symbolische Bezugspunkte am Hof und im Kloster. Neben Affektbindungen (etwa Isoldes Hündchen Petitcreiu oder der Löwe als Gefährte des Iwein) begegnen markante Feindbilder und „unlautere“ Tiere – dies nicht nur in Drachenepisoden, sondern auch in narrativen und didaktischen Kontexten. So schildert Beda in der ‘Vita Cuthberti’ zwei Raben, die Stroh stehlen und nach Zurechtweisung « bußfertig » zurückkehren; in der europäischen Tierdichtung (‘Ysengrimus’, ‘Roman de Renart’; mndl./mnd. ‘Reinke Fuchs’) ist der Fuchs Inbegriff der List, Heuchelei und Prozessintrige. Bestiarien und der ‘Physiologus’ codieren « falsches » Tierverhalten als moralische Allegorie (Krokodilstränen, die ventriloquierende Hyäne u.a.). Zugleich verschränken sich Glauben, Warenverkehr und Empirie: Narwalzähne zirkulieren bis in die Neuzeit als « Einhornhörner »; Fossilien wie Haifischzähne (« Natternzungen ») oder Belemniten (« Donnerkeile ») gelten als Antidote; vermeintliche « Krötensteine » werden Tieren zugeschrieben; Walrosselfenbein wird als Elefantenelfenbein gehandelt; « Greifenklauen » entpuppen sich als Steinbockhörner.

Die Sektion adressiert insbesondere folgende Themenfelder:

1. Tierische Falschheit
– Welche Tiere gelten aufgrund zugeschriebener Eigenschaften/Verhaltensweisen als falsch, betrügerisch oder hinterhältig?
– Wie artikuliert sich diese Falschheit gegenüber Menschen, Umwelt und anderen Tieren (etwa in Narration, Ikonographie, Recht, Predigt)?
– Welche Deutungshorizonte (z.B. Allegorese, Morallehre, Askese, Fürstenspiegel) werden damit aktiviert?

2. Tierische Fälschungen
– Welche Tiere sind als Fiktionen/Fehlbestimmungen konstruiert (z. B. Einhorn, Basilisk, Mantikor) und wie werden sie stabilisiert oder kritisiert (etwa bei Isidor, Thomas von Cantimpré, Bartholomaeus Anglicus, Albertus Magnus)?
– Wie interagieren Glaube, Autorität (auctoritas) und Beobachtungspraxis/Empirie in diesen Diskursen?
– Welche diachronen Verschiebungen zeigen sich zwischen Enzyklopädie, Bestiarien, Reiseberichten und naturphilosophischen Texten?

3. Tierischer ‘Etikettenschwindel’ (Materialität und Märkte)
– Welche tierischen Produkte und Derivate dienen der Aufwertung von Macht, Einfluss und Prestige (z.B. Elfenbein, Purpur/Kermes, Ainkhürn, Ambra)?
– Wie werden solche Materialien gewonnen, zirkuliert, umetikettiert (‚re‑brand‘) und rechtlich/moralisch gerahmt?
– Welche Diskurse (u.a. Theologie, Naturlehre, Medizin, Ökonomie) legitimieren oder problematisieren diese Praktiken?

Willkommen sind besonders Beiträge mit diskursanalytischem oder ökokritischem Zugriff sowie Studien, die Text, Bild und Objektfunde verbinden (z.B. Handschriftenikonographie, Artefakte, Handelsdokumente). Reisekosten können leider nicht übernommen werden.

Bitte senden Sie ein Abstract von ca. 300 Wörtern sowie eine Kurzvita (100–150 Wörter) bis zum 8. Mai 2026 an Florian.schmid@uni-greifswald.de sowie Miriam.strieder@uibk.ac.at.

Einsendungen von Nachwuchswissenschaftler:innen sind ausdrücklich erwünscht!

Source : H-Soz-Kult

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Réseau des médiévistes belges de langue française
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