Colloque – Manus: Performativität, Semiotik und Symbolik der Hand im Mittelalter

Das Heft 2028/1 von „Das Mittelalter“ widmet sich dem Thema „Manus: Performativität, Semiotik und Symbolik der Hand im Mittelalter“. Der Call for Paper ist bis zum 15. November 2026 offen.

Das Heft wird herausgegeben von Philippe Depreux, Stephan Dusil und Jonathan Reinert

Betrachtet man die Elfenbeinplatten des Dagulf-Psalters, die im Auftrag Karls des Großen für Papst Hadrian I. angefertigt wurden, so werden sofort die vielfältigen Funktionen der Hand deutlich (Paris, Musée du Louvre, Département des Objets d’art du Moyen Age, de la Renaissance et des temps modernes, MR 370/371; URL: https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010112519, URL: https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010096625). Auf einer Platte wird David als Verfasser der Psalmen und auf der anderen Hieronymus als Korrektor des Bibeltextes dargestellt. Auf letzterer ist eine segnende Hand zu sehen, die als Pendant zum Lamm Gottes in der Mitte der Platte dargestellt wird. Auf jedem Bild spielt die Hand der Hauptperson eine prominente Rolle: Mit seiner Hand diktiert David den Psalmentext; mit seiner Hand musiziert er an der Harfe; mit den Händen wird das Schreiben, mit dem Papst Damasus Hieronymus mit der Prüfung des Bibeltextes beauftragt, von dessen Boten an den Kirchenvater übergeben; letztendlich wird der Bibeltext per Hand korrigiert. Somit wird die Hand als Kommunikationsmedium, als Arbeitsmittel und als juristisches sowie performatives Medium dargestellt. Dieses Luxusprodukt zeigt in aller Deutlichkeit die vielfältigen Bedeutungen und Funktionen der Hand im Mittelalter.

Die Hand ist ein wichtiges Körperteil, das in der Ordnung der Welt im vormodernen Zeitalter eine entscheidende Rolle spielte (Elze 1991). Im religiösen Kontext ist dies besonders deutlich: Es sei beispielsweise auf die segnende Hand Gottes (Kieffer/Bergman 1997) hingewiesen, die sich nicht nur auf vielen Miniaturen in Handschriften findet, sondern auch als Skulptur – in Carisbrooke (Isle of Wight) auf einer Kirchenmauer (Margham/Tomalin 2022) – oder Amulett, z.B. die Hand Fatimas (Silva Santa-Cruz 2013). Die Rolle der Hand bei verschiedenen Aktivitäten im Mittelalter (vom Händewaschen über Schmähgesten bis zur Masturbation) hat in interkultureller Perspektive bereits Aufmerksamkeit in der Forschung erfahren (z.B. Jütte/Schmitz-Esser 2019). Auch in literarischen Texten ist die Hand – etwa bei Handgesten oder bei Berührungen – von Bedeutung. Das Potential dieses Themas ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

Der Fokus des Themenheftes soll auf der Performativität der Hand liegen, deren Untersuchung sich in vielerlei Perspektiven anbietet: Im rechtlichen Kontext wird der Hand im Mittelalter eine große Bedeutung beigemessen, – etwa bei einem Schwur (Duda/Józwiak 2023), bei einer Investitur oder beim Eintritt in die Vasallität (Depreux 2010). Handreliquiare – wie z.B. die Hand des Hl. Jakobus – und Erzählungen über die Wunder, die sie bewirken, drücken die Wirkkraft der Hand im religiösen Bereich aus (Yarrow 2020). Im schöpferischen Bereich wie der Kunst und Musik und – ganz allgemein – im Handwerk (Sauer 2012) spielt die Hand eine grundlegende Rolle. Mönche haben eine Gebärdensprache entwickelt, um sich miteinander auszutauschen, ohne das Schweigen zu brechen (Davril 1982); Hände werden offen gezeigt, aber – z.B. beim Tragen von sakralen Gegenständen – auch verhüllt. Menschen rechneten im Mittelalter nicht mit dem Kopf, sondern mit den Händen (Borst 2004). In vielfacher Weise wurde die Hand als Gedächtnishilfe und zum Support des Lernens genutzt (Brückner 2020), man denke an Grammatikhände, an katechetische Hände oder an die Guidonische Hand für die Musiklehre.

Diese knappe Darstellung der Vielfalt des Themas sollte hier nur das Potential eines regional übergreifenden, diachronen (von der Spätantike bis in die Renaissance) und interdisziplinären Hefts der Zeitschrift ‚Das Mittelalter‘ zeigen: Von der Beschreibung performativer Handbewegungen in Epen und Erzählungen in verschiedenen Sprachräumen über Handzeichen und ihre Deutung in juristischen Traktaten oder Gebärden in liturgischen Zusammenhängen bis hin zu bildlichen Darstellungen von Gesten und ihren Wirkungen bietet das Thema Anknüpfungsmöglichkeiten für sämtliche Disziplinen der Mediävistik. Das Themenheft fokussiert die Rolle der Hand im gesellschaftlichen Handeln und fragt, was die Hand erzeugt, indem sie in Gesten involviert ist, Werke produziert, sowie der Kommunikation (als Gebärdensprache und als Symbol) dient.

Als Leitfaden des Bandes wird dementsprechend die Bedeutung der Hand für die mittelalterlichen Menschen und ihre Rolle in der Gesellschaft in den verschiedenen Regionen der Welt zwischen 500 und 1500 unter den im Untertitel genannten Aspekten thematisiert:

– die Hand als performatives Instrument und ihre Wirkmacht,
– die Hand als Kommunikationsmittel,
– die Hand als Symbol.

Der Band soll komparatistisch aufgebaut werden, indem Beiträge unterschiedlicher Regionen oder Epochen, die eine vergleichbare Funktion der Hand in der mittelalterlichen Gesellschaft aufweisen, zusammengestellt werden. Schon vor dem Workshop werden dafür die ausgewählten Autorinnen und Autoren von den Organisatoren in einem digitalen Treffen miteinander bekannt gemacht und gebeten, ihre Beiträge aufeinander abzustimmen.

Mögliche Themenfelder sind beispielsweise:

– Segnen und Fluchen – die Hand im religiösen Gebrauch
– Die Hand als Rechtsinstrument und Vollstreckungsinstanz – Schwur, Investitur, Weihe
– Manuelle Gesten – Interkulturelles Verstehen und Missverstehen
– Handicap – verstümmelte, fehlende und abgeschlagene Hände

Für die Abhaltung des Heft-Workshops im Oktober 2027 wird die ehemalige Bibliothek des Kunsthistorikers Aby Warburg (Warburg-Haus, Hamburg) einen würdigen und stimulierenden Rahmen bieten, denn dieser Raum steht unter dem Motto der interdisziplinären Zusammenarbeit – insbesondere über die Vormoderne.

Organisation:
-Philippe Depreux (Geschichte, Universität Hamburg)
philippe.depreux@uni-hamburg.de
-Stephan Dusil (Rechtsgeschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen)
stephan.dusil@uni-tuebingen.de
-Jonathan Reinert (Theologie, Theologische Hochschule Reutlingen)
jonathan.reinert@th-reutlingen.deProgramm

Deadline für Abstracts (per Email an alle drei Veranstalter): 15. November 2026.

Weiterer Zeitplan:

Anfang Dezember 2026: Zusage an die Autorinnen und Autoren

15. Juni 2027: Einsendung der Beiträge; Begutachtung

14./15. Oktober 2027: Workshop in Form einer Autorenkonferenz

November 2027: Abgabe der auf der Grundlage der Gutachten und der Workshopdiskussion überarbeiteten Beiträge; Lektorat
Februar 2028: Versand der lektorierten Texte zur letzten Prüfung

April 2028: Versand der Druckfahnen

Juni 2028: Erscheinungstermin online und Buchhandel

Bitte beachten Sie folgenden Hinweis: Das Themenhaft erscheint bei Heidelberg University Publishing im Open Access unter der Lizenz CC-BY-SA 4.0.

Source : H-Soz-Kult

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Réseau des médiévistes belges de langue française
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